Knalleffekt nach dem Australien GP: Am Mittwoch richteten die Formel-1-Piloten einen offenen Brief an die Entscheidungsträger der Formel 1 und die Fans. Darin fordern sie vor allem eine Revolution der Formel-1-Führung. Der Entscheidungsprozess sei veraltet und falsch gegliedert, schrieben die Piloten.

In einem Schreiben an die Fahrergewerkschaft GPDA, das Motorsport-Magazin.com vorliegt, gibt Formel-1-Chef Bernie Ecclestone den Piloten recht. "Es ist nicht immer einfach, mit euch einer Meinung zu sein, aber ihr habt recht damit, dass der Entscheidungsprozess in diesem Sport veraltet und falsch gegliedert ist", schrieb Ecclestone am Donnerstag.

"Wir müssen - wie ihr auch sagt - die Besitzer und alle Interessensvertreter der Formel 1 dazu drängen, über eine Neustrukturierung ihrer eigenen Führung nachzudenken", fordert auch Ecclestone.

Ob Ecclestone und die Piloten dabei die gleiche Intension haben, ist eher fraglich. Der 85-Jährige stört sich vor allem daran, dass er im Alleingang nichts mehr entscheiden kann. Regeländerungen müssen von der Strategiegruppe initiiert werden. Darin hält Ecclestone als von CVC eingesetzter Geschäftsführer der Formel 1 nur ein Drittel der Stimmen.

Ecclestone will mehr Macht

Wenn ein Vorschlag mit einfacher Mehrheit die Strategiegruppe passiert hat, muss ihn die Formel-1-Kommission mit 70-prozentiger Mehrheit bestätigen. Jede der 25 stimmberechtigten Parteien ist in der Kommission gleich gewichtet. Somit hat Ecclestone hier nur eine einzige Stimme.

Auch das Mandat, das der Motorsportweltrat im vergangenen Dezember an Bernie Ecclestone und Jean Todt in wichtigen Fragen übertragen hat, verfehlt seine Wirkung aus Ecclestones Sicht deutlich, weil Todt mit einer Reduzierung der Motorenpreise bereits bekommen hat, was er wollte. Alleine kann der Formel-1-Zampano mit diesem Mandat nichts anfangen.

Den Formel-1-Piloten ging es in dem Schreiben aber weniger darum, Ecclestone mehr Macht zukommen zu lassen. Nach dem spektakulär gescheiterten Versuch mit dem neuen Qualifying-Format beim Saisonauftakt in Melbourne wollen die Piloten selbst mehr Mitspracherecht haben. Das Statement der GPDA ist aber auch nicht als klarer Angriff auf Ecclestone zu verstehen.

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Trotzdem ist Ecclestone mit dem offenen Brief der Piloten nicht ganz einverstanden. "Es ist einfach zu analysieren, was falsch ist. Warum also nicht darüber nachdenken und darauf zurückkommen? Es ist zumindest besser, über etwas nachzudenken, bevor man es sich wünscht."

Seinen Humor hat der Formel-1-Geschäftsführer noch nicht verloren. "Ihr habt geschrieben, dass jeder einzelne mit seinen besten Absichten handelt", zitiert er aus dem offenen Brief. "Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Druckfehler ist. Falls nicht, sollte es heißen: Mit seinen allerbesten Absichten."

Der offene Brief der GPDA im Wortlaut

Liebe Formel-1-Besitzer und Fans,

Wir Formel-1-Piloten wollen uns wie folgt zu unserer Position äußern: Wir Fahrer lieben unseren Sport! Seit unserer Kindheit träumen wir davon, die schnellsten Rennautos von Top-Teams auf den coolsten Rennstrecken gegen die besten Fahrer auf der Welt zu fahren. Wir wollen Wettkampf und lieben die Formel 1 fast bedingungslos - das macht uns wahrscheinlich zu den Leuten, die - neben unseren Fans - das reinste Interesse für die Formel 1 haben.

Die Formel 1 wird derzeit von einem weltweit schwierigen ökonomischen Umfeld, rasanten Veränderungen im Konsumverhalten der Fans und einem entscheidenden Wandel in der TV- und Medienlandschaft herausgefordert. Das macht es umso wichtiger, dass die Verantwortlichen des Sports intelligente und gutüberlegte Korrekturen vornehmen.

Wir haben das Gefühl, dass einige der jüngsten Regeländerungen, auf sportlicher wie technischer Seite, - und auch einige geschäftliche Dinge - zerstörerisch sind, die größeren Probleme, denen unser Sport gegenübersteht nicht angehen und in gewisser Weise auch seinen zukünftigen Erfolg gefährden. Wir wissen, dass unter den Verantwortlichen des Sports - seien es die Besitzer, ihre Vertreter, die FIA, die Teams oder andere Interessensvertreter - jeder Einzelne mit bester Absicht handelt.

Deshalb sind die Fahrer zu dem Schluss gekommen, dass der Entscheidungsprozess des Sports veraltet und falsch gegliedert ist und dadurch Fortschritt verhindert. Tatsächlich kann der Entscheidungsprozess zum genauen Gegenteil führen, nämlich zum Stillstand. Das wirft negatives Licht auf unseren Sport, hindert ihn daran, fit für die nächste Generation von Fans zu sein und schränkt globales Wachstum ein.

Wir wollen deshalb die Besitzer und alle Interessensvertreter der Formel 1 nicht nur darum bitten, sondern sie auch dazu drängen, eine Neuordnung der aktuellen Führungsstruktur in Erwägung zu ziehen. Die zukünftige Richtung und die Entscheidungen der Formel 1, seien sie kurz- oder langfristig, sportlicher, technischer oder geschäftlicher Natur, sollten auf einem klaren Masterplan basieren. Ein solcher Plan sollte die Prinzipien und Grundwerte der Formel 1 reflektieren.

Wir müssen sicherstellen, dass die Formel 1 ein Sport bleibt, ein eng umkämpfter Wettkampf zwischen den besten Fahrern in herausragenden Fahrzeugen auf den coolsten Rennstrecken. Die Formel 1 sollte ausschließlich das Zuhause der besten Teams, Fahrer und Strecken sein, mit Partnern und Zulieferern, die für eine solche elitäre Meisterschaft geeignet sind.

Die Formel 1 hat sich zweifellos als die Königsklasse des Motorsports etabliert und ist als solche eine der populärsten und meistgesehenen Sportarten auf der Welt. Wir Fahrer stehen gemeinsam dafür ein, bieten unsere Hilfe und unsere Unterstützung an, damit die Formel 1 genau das bleibt. Wir wollen sie für die Zukunft bereit und für viele Jahre und Generationen, die noch kommen werden, aufregend machen.

Es ist wichtig festzustellen, dass dieser offene Brief im Interesse aller sein solle und nicht als blinde und respektlose Attacke angesehen wird. Danke für eure Aufmerksamkeit und die Freiheit, unsere Gedanken in Worte fassen zu dürfen.

Mit besten Grüßen

Jenson Button, Sebastian Vettel und Alex Wurz, stellvertretend für alle Formel-1-Piloten

Ecclestones Antwort im Wortlaut

Liebe Herrschaften,

Ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Beschreibung ist. Es ist nicht immer einfach, mit euch einer Meinung zu sein, aber ihr habt recht damit, dass der Entscheidungsprozess in diesem Sport veraltet und falsch gegliedert ist.

Wir müssen - wie ihr auch sagt - die Besitzer und alle Interessensvertreter der Formel 1 dazu drängen, über eine Neustrukturierung ihrer eigenen Führung nachzudenken.

Es ist einfach zu analysieren, was falsch ist. Warum also nicht darüber nachdenken und darauf zurückkommen? Es ist zumindest besser, über etwas nachzudenken, bevor man es sich wünscht.

Ich bin nun seit fast 50 Jahren in einer aktiven Rolle in der Formel 1 involviert und weitere 18 Jahre auf eine andere Weise. Ihr habt geschrieben, dass jeder einzelne mit seinen besten Absichten handelt. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Druckfehler ist. Falls nicht, sollte es heißen: 'mit seinen allerbesten Absichten.'

Beste Grüße

Bernie