1. Wie liefen die Testfahrten bei Manor?

Die ersten Testfahrten der Formel 1 in Barcelona liefen für das Team durchweg positiv - zumindest in Sachen Standfestigkeit. Kein einziger, größerer technischer Defekt war zu vermelden. Die zwei durch Manor ausgelösten roten Flaggen entstanden jeweils durch Unfälle von Rookie Rio Haryanto. Besonders aufhorchen ließ die Mannschaft mit Pascal Wehrleins Zeit am Dienstag. Er umrundete den Circuit de Catalunya in 1:25.9 Minuten und damit fast sechs Sekunden schneller als die Qualifying-Zeit von Will Stevens beim Qualifying zum Großen Preis von Spanien 2015.

Entsprechend zufrieden zeigte sich der neue Manor-Renndirektor Dave Ryan, der diese Steigerung erwartet und gefordert hatte. "Wir hofften, dass das Auto eine Verbesserung im Vergleich zum vergangenen Jahr sein würde. Das musste es offensichtlich auch sein", untermauerte Ryan. "Es wäre eine Enttäuschung gewesen, wenn wir auf dem bisherigen Stand stehengeblieben wären."

2. Wieso ist der MRT05 keine Weiterentwicklung des 2015er-Autos?

Manor hat 2016 große Ziele - Foto: Sutton
Manor hat 2016 große ZieleFoto: Sutton

Das Arbeitsgerät von Wehrlein und Haryanto hat wenig bis nichts mit seinem Vorgängermodell gemein. Wie der Renndirektor gegenüber Motorsport-Magazin.com bestätigte, lief die Entwicklung seit Juni/Juli 2015. Dabei verdeutlichte er, dass eine Weiterentwicklung des alten Boliden nie wirklich geplant oder gewollt war. "Es war immer die Intention, ein brandneues Auto für diese Saison zu haben. Wir haben nichts mitgenommen und das war das Beste, was wir im Moment machen konnten", so Ryan.

Die Saison 2015 war eine durchweg glanzlose für das Team. In allen Rennen kamen die Autos durch mangelnden Speed als letzte des gesamten Feldes ins Ziel, ohne jemals die Chance auf Punkte gehabt zu haben. Am nächsten heran kam Roberto Merhi mit Rang zwölf in Silverstone. Allerdings war hinter ihm nur noch sein Teamkollege Will Stevens, alle anderen Fahrer waren ausgeschieden. Mit der wenigen Zeit und den geringen finanziellen Ressourcen des Teams hätte eine Weiterentwicklung des MRT04 laut Ryan entsprechend keinen Sinn ergeben.

"Wir haben keinerlei Entwicklungen des letztjährigen Autos vorgenommen. Wir haben keinen wirklichen Wert darin gesehen, so viel Anstrengungen in dieses Auto zu stecken", machte der neue Manor-Renndirektor unmissverständlich deutlich. Er ließ durchblicken, dass die gesamte Zeit im Windkanal nur für das neue Auto verwendet und das zuvor angekündigte, überarbeitete Modell für 2015 offenbar nie in Angriff genommen wurde.

3. Was steht in der zweiten Testwoche auf dem Programm?

Wie Renndirektor Ryan verriet, war der Manor der ersten Testwoche mehr oder weniger ein Launch-Auto. Geplant sind in Testwoche zwei neue Teile. Sie sollen die erwartete Performance für Melbourne bringen. "Vorausgesetzt wir kriegen sie rechtzeitig und können ordentlich testen", fügte der Renndirektor einschränkend hinzu.

Die verbliebenen vier Testtage dienen primär der Performance-Arbeit für den Saisonauftakt, da Manor in diesem Bereich bisher noch nichts unternommen hat. Die verringerte Testzeit im Vergleich zum Vorjahr macht dem Team jedoch kein Kopfzerbrechen, obwohl im MRT05 zum ersten Mal statt einer Ferrari- eine Mercedes-Power-Unit verbaut ist. "Wir haben ein großartiges Motor- und Transmissions-Paket. Die Motor-Zuverlässigkeit ist absolut bewiesen und wir haben den gleichen Motor wie die Mercedes-Jungs", erinnerte er. Ebenfalls erprobt ist das Williams-Getriebe, das bisher keinerlei Probleme bereitete. "In dieser Beziehung haben wir einen gewissen Bonus."

4. Welchen Eindruck haben Pascal Wehrlein und Rio Haryanto hinterlassen?

Rio Haryanto beendete seinen zweiten Testtag durch einen Unfall vorzeitig - Foto: Sutton
Rio Haryanto beendete seinen zweiten Testtag durch einen Unfall vorzeitigFoto: Sutton

Die beiden Fahrer verbindet das Word Rookie. Viel mehr allerdings nicht. Pascal Wehrlein kommt als amtierender DTM-Champion zu Manor. Dazu hat er als Testfahrer für das Mercedes-Werksteam schon unzählige Kilometer abgespult. Haryanto hingegen war seit 2012 ununterbrochen in der GP2 unterwegs, 2015 erzielte er drei Siege und fünf Podien. Sein zuvor einziger Berührungspunkt mit der Königsklasse war ein Test für Virgin Racing in Abu Dhabi im Jahr 2010.

Nach nur einem Test wollte sich Renndirektor Ryan daher noch zu keinem Urteil hinreißen lassen. Von Wehrleins starken Zeiten war er durch die große Erfahrung des Deutschen wenig überrascht - genauso wenig von den Ausritten und dem Unfall von Haryanto. "Ich muss ehrlich sagen, dass ich überrascht gewesen wäre, wenn er keine Zwischenfälle gehabt hätte. Aber solange er daraus lernt, ist es gut."

5. Wie geht es mit der Entwicklung in dieser Saison weiter?

Nun steht das Team vor der großen Herausforderung, auf die ersten positiven Anzeichen aufzubauen. Eine schwierige Aufgabe mit zwei Rookies im Einsatz. Doch Manor bleibt trotz dieser Aufgabe gelassen. "Beide haben schon eine gewisse Rennerfahrung - besonders Pascal hat für sein Alter eine Menge Erfahrung", erinnerte Ryan. Zudem stünden erprobte Ingenieure bereit, die sowohl bei den Testfahrten als auch bei den Rennen die Daten überwachen könnten und damit sicherstellen, dass alles nach Plan verläuft.

Geschieht dies, wird Manor bereits für den Saisonauftakt neue Teile am Auto haben. Mit neuen und hochmotivierten Köpfen in der Fabrik herrscht aktuell große Euphorie. Ryan muss bei aller Begeisterung aber immer einen Blick auf die Finanzen werfen und sicherstellen, dass kein Geld für sinnlose Neuerungen verschwendet wird. "Wir können es uns einfach nicht leisten, etwas ans Auto zu bauen und es einmal auszuprobieren. Wir brauchen eine fundierte Herangehensweise und haben ein Programm für Veränderungen während der Saison. Wenn wir die Teile ordentlich ausgewertet haben und sie diese Phase überstehen, kommen sie ans Auto."

6. Welche Ziele hat Manor für die Saison?

Schafft Manor 2016 den Abschluss ans Mittelfeld? - Foto: Sutton
Schafft Manor 2016 den Abschluss ans Mittelfeld?Foto: Sutton

Mit einer Saison als Schlusslicht im Rückspiegel und ermutigenden Testfahrten auf dem Bord steht die große Frage im Raum: Wo soll es für Manor 2016 hingehen? Für eine Antwort ist es laut Ryan noch deutlich zu früh. Die Ansprüche sind aber gestiegen. "Wir wollen eine respektable Performance abliefern. Das versucht aber jedes Team da draußen, deshalb wird es nicht einfach. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir deutlich besser sein können als in der Vergangenheit."

Ein Platz unter den Top-10 in der Konstrukteurswertung ist dabei das angestrebte Ziel. Bis zu diesem Rang werden aus dem großen Topf der FIA Preisgelder verteilt. Diese zu erhalten gelang Manor - respektive Marussia - von 2013 bis zur vergangenen Saison durchgängig. 2016 stößt mit Haas jedoch eine große Konkurrenz hinzu. "Es muss das Ziel sein, Geld herauszubekommen. Das alleine bringt Druck mit sich", gab Renndirektor Ryan zu. "Das ist aber kein unüberwindbarer Druck, sondern ein gesunder."

7. Welche Veränderungen gab es in der Struktur des Teams?

Dave Ryan als neuen Renndirektor oder der ehemalige Ferrari-Mann Nikolas Tombazis, der als Chef-Aerodynamiker bei Manor in diesem Jahr anheuerte, sind nur einige Beispiele des Umbruchs innerhalb des Teams. Viele weitere große Köpfe arbeiten seit Saisonbeginn gemeinsam am Erfolg. Das neuformierte Team muss erst zusammenwachsen, bisher erkennt Ryan aber schon gute Schritte - diese werden vor allem auf lange Sicht wichtig, wenn 2017 das neue Technische Reglement zum Einsatz kommt.

Trotz geringerer Ressourcen glaubt der Renndirektor fest daran, dass seine Mannschaft alle Herausforderungen meistern und erfolgreich sein kann. "Jemand wie Nikolas hat eine kleine Gruppe von Leuten um sich. Wenn sie das gleiche Ziel verfolgen und hart arbeiten, sehe ich keinen Grund, warum wir keine gute Arbeit abliefern sollten", so Ryan zu Motorsport-Magazin.com. Dem Renndirektor ist klar, dass sein Team in gewissen Bereichen niemals mit den Top-3-Teams konkurrieren kann, gute und erfolgreiche Arbeit sei aber dennoch möglich. "Wir werden auf diesem Weg Fehler machen, denn das ist menschlich. Aber solange wir daraus lernen und den gleichen Fehler nicht wiederholen, ist alles gut."