Nur weil Gegensätze sich anziehen, müssen sie noch längst nicht miteinander harmonieren. Beispiel in der Formel 1 gefällig? Gern: Als Ferrari 2014 Iceman Kimi Räikkönen an die Seite des heißblütigen Spaniers Fernando Alonso verpflichtete, war die Euphorie anfangs groß. Ein ehemaliger Doppelweltmeister fährt Seite an Seite mit dem bis heute letzten Ferrari-Champion - das musste einfach funktionieren.

Die Realität sah anders aus. Ferrari erlebte eine der schlechtesten Saisons der Teamgeschichte. Zugegeben, vor allem lag das einem schlechten Boliden. Der F14 T entpuppte sich alles andere denn als Gipfel der Ingenieurskunst. Noch schlechter war einzig die Power Unit im Heck des Boliden. Doch auch teamintern lief längst nicht alles rund.

"Es gibt jetzt keine Politik mehr wie in der Vergangenheit und ich bin sicher, das hilft dem ganzen Team", beantwortete Kimi Räikkönen kürzlich beim Finali Mondiali die Frage, was sich bei der Scuderia nach dem Abgang Fernando Alonsos geändert habe. Vor einer Woche nannte der Finne in Brasilien auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com Details. "So fühlt es sich für mich an. Ich denke, das Team ist viel enger zusammengerückt und wir arbeiten besser zusammen. All die Veränderungen nach dem vergangenen Jahr waren richtige Entscheidungen und sind in die richtige Richtung gegangen", sagte Räikkönen.

"Ich denke, das Team arbeitet einfach besser als ein Team zusammen. Das werden dir alle bestätigen, wenn du fragst. Das ist einer der großen Gründe, warum die Resultate besser werden", erklärte der Iceman. Ein deutlicher Wink in Richtung Disharmonie in der Zusammenarbeit mit Fernando Alonso. Öffentlich Streit gab und gibt es zwischen den beiden Top-Piloten zwar nicht, doch schwebt für Beobachter durchaus eine gewisse Antipathie über der Beziehung des einstigen Ferrari-Duos.

Ferrari: Finali Mondiali 2015: (02:21 Min.)

Räikkönen freut sich über Siege - ausschließlich

Verwunderlich ist das kaum, handelt es sich bei dem Finnen und dem Spanier um zwei absolute Alphatiere der Formel 1. Bei Alonso gibt es zusätzlich den Faktor Politik, den Räikkönen mit stoischer Ruhe konterkariert. Doch sportlich eint die vermeintlich so unterschiedlichen Charaktere eine ganz bestimmte Eigenschaft, die in ihrer extremen Ausprägung längst nicht jeder Pilot teilt: Null Interesse für ein anderes Ergebnis als den Sieg - egal unter welchen Voraussetzungen.

"Ob du Vierter oder Fünfter wirst, daran wird sich am Ende niemand erinnern. Es wird unser Leben nicht verändern - egal wo wir die Saison beenden", schmetterte Räikkönen zuletzt in Brasilien - im besten Stil der Draufgänger Gilles Villeneuve und James Hunt - Fragen nach einem WM-Duell um Rang vier gegen Valtteri Bottas ab.

Der Williams-Pilot hingegen liebäugelte damit, den Ferrari hinter sich zu lassen. "Für mich ist das bestmögliche Ergebnis Platz vier in der Fahrerwertung, und ich bin sehr scharf darauf, das zu erreichen", sagte der Finne. Für Bottas zählen also auch die kleinen Erfolge. Zumindest im Ansatz gilt das auch für Nico Rosberg und Sebastian Vettel. Vor ihrem Duell um Gesamtrang zwei verkündeten die beiden unisono, diese Position sei nicht das, wozu sie antreten würden. Doch jetzt sei das eben ein Ziel, um das es sich zu kämpfen lohne.

Kimi Räikkönen war demgegenüber schon immer anders drauf. Platz zwei? Kein Grund zur Freude. Total egal. Randnotiz. Einzig bei einem Sieg huscht ein Lächeln über das Gesicht des Finnen. Selbst wenn der Iceman in einem Manor auf Rang drei fahren würde - er wäre nicht ganz zufrieden. Egal wie groß die Leistung gewesen wäre, weil eben mehr möglich gewesen wäre. Pure Perfektionismus, absolute Akribie.

Fernando Alonso beneidet Ferrari nicht um die aktuelle Jägerrolle - Foto: Sutton
Fernando Alonso beneidet Ferrari nicht um die aktuelle JägerrolleFoto: Sutton

Alonso: Zweiter Platz schlimmer als McLaren-Frust

Nur das Beste ist gerade gut genug. Genau deshalb passt diese Eigenschaft auch so gut zu Fernando Alonso. Was bestätigt das besser als sein Wechsel zu McLaren-Honda? Jenem Team, dessen alten Ruhm Ron Dennis wieder herstellen will. Aber nicht irgendwie, sondern nach dem Maßstab: Eine WM ist nicht zufriedenstellend, solange sie nicht mit totaler Dominanz eingefahren wurde.

Fernando Alonso spiegelt ebendiese Mentalität. Deshalb hat er Ferrari verlassen. Wie er bereits mehrfach betonte, habe er dort einfach nicht die Möglichkeit gesehen gegen Mercedes über mehr als den zweiten Platz hinauszukommen. "Ich hatte ein frustrierendes Jahr, aber ich denke, dass es noch frustrierender ist, wenn du als Zweiter oder Dritter auf dem Podium stehst", spielte Alonso jüngst auf seinen ehemaligen Rennstall an.

"Vergangenes Jahr wussten wir, dass der Mercedes eine Sekunde schneller war als alle anderen Autos. Das war einer der Gründe, warum ich zu McLaren-Honda gegangen mit. Der einzige Weg, Mercedes in der nahen Zukunft zu schlagen ist, ein sehr starkes Projekt zu haben, eine andere Philosophie, die neue Formel 1 zu verstehen - und ich denke dazu bin ich am richtigen Ort", sagte Alonso.

Der Spanier hat erkannt, dass sein über Jahre zur Perfektion praktiziertes Punktemaximieren, jede Chance auf Abstauber nutzen und immer alles mitnehmen zwar anerkannt, hoch gelobt und wertgeschätzt wird, ihm langfristig allerdings keinen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern einbringen wird. Nicht ohne Weltmeistertitel. Nicht ohne das Qualitätssiegel P1.