Wer ist schuld daran, dass es 2015 keinen Großen Preis von Deutschland gab? Am Ende wohl der Nürburgring. Doch Motorsport-Magazin.com-Experte hat auch den Einsatz verschiedener Personen und Institutionen vermisst, um das Rennen doch noch zu retten. Im Interview rechtfertigt DMSB-Präsident Hans-Joachim Stuck, warum er nicht viel ausrichten konnte.

Herr Stuck, Sie haben gesagt, es sei für Sie undenkbar, keinen Deutschland GP zu haben. Eine Weltmeisterschaft ohne Deutschland sei keine Weltmeisterschaft. Christian Danner stimmt ihnen da völlig zu, fordert Sie als DMSB-Präsident aber gleichzeitig dazu auf, tätig zu werden. Bislang wäre nur ein 'Achselzucken' zu vernehmen gewesen. Nehmen Sie die Kritik an?
Stuck und Danner sind sich uneinig - Foto: Sutton

Stuck und Danner sind sich uneinigFoto: Sutton
Hans-Joachim Stuck: Mit seinem großen Motorsport-Fachwissen sollte es RTL-Experte Christian Danner eigentlich besser wissen. Der DMSB sitzt nicht mit am Tisch, wenn Formel-1-Promotor und Rennstreckenbetreiber miteinander verhandeln. Dennoch ist der DMSB im Vorfeld der Absage des Rennens aktiv gewesen, um die Tradition eines deutschen Grand-Prix auch 2015 fortzusetzen. Über Jahre hinweg ist diese Arbeit im Hintergrund ja auch erfolgreich gewesen, zumal wir neben der Formel 1 auch die Rallye-WM, die Tourenwagen-WM und die Langstrecken-WM im Blick haben. Es ist aber bei mehreren Dutzend Bewerberländern, die teilweise unanständig viel Geld für die Formel 1 ausgeben, nun mal nicht selbstverständlich, dass das immer so bleibt. Im Gegenteil: Es gibt nur ganz wenige Länder, die mehrere FIA-WM-Läufe haben.

Konkret fordert Danner: "Wenn ein Promoter eine solche Sportveranstaltung nicht aus eigener Kasse bezahlen kann, dann muss man nach Alternativen suchen. Das ganze muss von dem dafür zuständigen Verband koordiniert werden. Also vom DMSB." Sehen Sie das auch so?
Hans-Joachim Stuck: Mercedes-Sportchef Toto Wolff hat dazu etwas sehr Richtiges gesagt: 'Mercedes wollte keinen Präzedenzfall schaffen, denn man kann nicht immer darauf hoffen, dass ein weißer Ritter kommt und einen rettet.‘ Konkret heißt das: Selbst die in der Formel 1 unmittelbar involvierten Industriepartner werden einen deutschen Grand Prix nicht mit großen Summen bezuschussen können, weil sie sonst morgen auch für andere Kernmärkte einen Sonderbeitrag zahlen müssten. Es ist also eine Illusion zu versuchen, über die Industrie achtstellige Summen zu generieren, die eine Ausrichtung ermöglichen würden - zumal diese Summen garantiert jedes Jahr höher würden.

Inwiefern kann der Motorsport Unterstützung aus öffentlicher Hand erwarten? In anderen Sportarten sind Subventionen von Bund und Ländern ja gang und gäbe.
Hans-Joachim Stuck: In Deutschland liegt die politische Verantwortung für den Sport beim Bundesinnenministerium. Nach einem Schlüssel, der alle paar Jahre über den DOSB, wo auch der DMSB Mitglied ist, neu definiert wird, werden dann die Zuschüsse verteilt. Für den Motorsport als nicht-olympische Sportart bedeutet dies seit einigen Jahren, dass wir keine finanzielle Unterstützung mehr bekommen. Aber selbst wenn: Diese Summen wären für Nachwuchsförderung bzw. die Unterstützung der Motorrad-Nationalmannschaften vorgesehen und nicht zur Ausrichtung eines Einzelevents - ganz abgesehen davon, dass Sie bei der Ausrichtung eines Formel-1-Events damit nicht viel anfangen könnten. Und der DMSB selbst verfügt aus den Einnahmen der Lizenzgebühren bei weitem nicht über Mittel in dieser Größenordnung.

Stuck kann nur mit der FIA sprechen - Foto: Sutton
Stuck kann nur mit der FIA sprechenFoto: Sutton

Als Grund für den Ausfall des Deutschland GPs nannten Sie einen 'unflexiblen Ecclestone'. Der Hockenheimring allerdings sagt, Ecclestone sei ihnen sehr wohl entgegengekommen, könne das Produkt Formel 1 aber nicht herschenken. Auch Danner meint, mit Ecclestone könne man sprechen. Wer ist denn nun Schuld am Ausfall?
Hans-Joachim Stuck: Wir müssen doch eines festhalten: Der Trend der Formel 1 geht immer mehr dahin, Veranstaltungen in Ländern durchzuführen, die aus politischen Gründen bereit sind, von staatlicher Seiten aus riesige Summen zu investieren, um ein Rennen auszurichten. Da können europäische Nationen nicht mithalten, weil der politische Wille, eine einzelne Sportveranstaltung mit Millionenbeträgen zu unterstützen, nicht da ist. Das sehen Sie übrigens selbst bei der Bewerbung von Mega-Events wie Fußball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Unsere Aufgabe als Verband muss es daher sein, bei der FIA politisch Einfluss darauf zu nehmen, dass Europa als Urspungsregion des Motorsports und als Kernmarkt für Automobile nicht vergessen wird. Aber in der Formel 1 zählt am Ende nur der Profit, den der Promotor erwirtschaftet. Da nützen alle gut gemeinten politischen Ansätze und Gespräche leider wenig.

2016 soll der Deutschland GP auf dem Hockenheimring zu 100 Prozent sicher sein. 2017 gibt es wohl wieder ein Zittern am Nürburgring. Glauben Sie noch an die Formel 1 auf dem Nürburgring?
Hans-Joachim Stuck: Was viele in der aktuellen Diskussion um den Nürburgring vergessen: Auch der Grand-Prix-Kurs hat einen hohen Stellenwert. Das beste Beispiel dafür ist der Auftritt der FIA-WEC, die für ihr Deutschland-Debüt den Nürburgring ganz bewusst ausgewählt haben. Warum sollte das - wenn die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen - nicht auch für die Formel 1 gelten?

Was werden Sie persönlich konkret dafür unternehmen, damit die Königsklasse des Motorsports weiterhin langfristig in Deutschland gastiert? Christian Danner hat Ihnen seine Unterstützung schon zugesagt.
Hans-Joachim Stuck: Die angebotene Unterstützung von Christian Danner freut mich natürlich. Und wir werden uns sicher bei Gelegenheit persönlich austauschen, was man tun kann. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Arbeit hinter den Kulissen in solchen Fällen die effektivste ist - auch wenn das in der Öffentlichkeit möglicherweise danach aussieht, als würden wir die Hände in den Schoß legen. Glauben Sie mir, der DMSB arbeitet nach Kräften mit daran, alle Möglichkeiten für ein langfristiges Engagement der Formel 1 in Deutschland auszuloten.