Knapp zwei Monate nach Jules Bianchis tragischem Unfall während des Japan GP in Suzuka am 5. Oktober herrscht endlich Klarheit über den exakten Hergang. Wie die eigens einberufene Unfallkommission der FIA bekanntgab, war der Unfall des Franzosen in Diensten von Marussia auf Eigenverschulden zurückzuführen. Allerdings betonte das Gremium, das ebenfalls äußere Einflüsse das Unglück in seiner Gesamtheit mit herbeiführten.

Auf insgesamt 396 Seiten präsentierte der zehnköpfige Ausschuss um Ross Brawn seine Ergebnisse vor dem Welt-Motorsport-Rat der FIA. Motorsport-Magazin.com fasst für euch die wichtigsten Aussagen kompakt zusammen:

Streckengefälle und Wasserfluss Bianchis Verhängnis

In Runde 43 des Rennens hatte Bianchi in Kurve sieben die Kontrolle über seinen Boliden verloren, war von der Strecke gerutscht und mit dem Heck eines Bergungskrans kollidiert. Dieser war gerade im Begriff, Adrian Sutils Sauber zu bergen, der exakt eine Runde zuvor ungefähr an selber Stelle von der Strecke abgekommen und in die Schutzbegrenzung eingeschlagen war. Dabei zog sich der Franzose lebensbedrohliche Kopfverletzungen zu, liegt in einer Spezialklinik in Frankreich nach wie vor im Koma.

Eine immer nassere Ideallinie und zu hohe Geschwindigkeit wurden Jules Bianchi zum Verhängnis - Foto: Sutton
Eine immer nassere Ideallinie und zu hohe Geschwindigkeit wurden Jules Bianchi zum VerhängnisFoto: Sutton

Zur Zeit des Unfalls hatte bereits zum wiederholten Male an diesem Tag stärkerer Regnen eingesetzt. Wie der Bericht herausstellt, hatte Bianchi trotz doppelt gelber Flaggen in den Sektoren sieben und acht seine Geschwindigkeit nicht - wie in diesem Fall bei Einhaltung des Reglements zwingend vorgeschrieben - drastisch reduziert. Obwohl Kurve sieben zwei Runden zuvor noch über eine zumindest halbtrockene Rennlinie verfügte, verkleinerte sich diese durch das Gefälle der Strecke an dieser Stelle zusehends, da Regenwasser aus der Umgebung in die Spur hineinfloss.

Einschlag mit 130 km/h

Während Sutil bereits in Runde 42 von den veränderten Bedingungen überrascht wurde, hielt Bianchi seinen Marussia-Boliden noch einen Umlauf länger auf der Strecke. Laut Unfallbericht unternahm der Deutsche jedoch keine großen 'Rettungsversuche' bei seinem Abflug, wohingegen Bianchi versuchte, durch massives Gegenlenken gegen den stark übersteuernden Boliden das Verlassen der Strecke zu verhindern. Dadurch rutschte Bianchi bereits weiter vorne ab als Sutil, hätte mit seinem Einschlag dessen Unfallstelle also definitiv verfehlt.

Unfallort und Schnappschuss des tragischen Bianchi-Unfalls - Foto: Youtube/FIA
Unfallort und Schnappschuss des tragischen Bianchi-UnfallsFoto: Youtube/FIA

Jedoch befand sich zu diesem Zeitpunkt der Bergungskran just vor Bianchis 'Einschlagpunkt' in die Schutzbegrenzung, was den tragischen Unfall herbeiführte. Wie der Bericht weiter detailliert aufzeigt, hatte Bianchi zum Zeitpunkt des Kontakts seines Kopfes mit dem Heck des Krans noch immer eine Geschwindigkeit von rund 130 Kilometern 'auf dem Tacho'. Eine Auswertung der Telemetriedaten beweist dabei, dass Bianchi vor dem Einschlag gleichzeitig Bremse und Gaspedal betätigte, und dabei beide Füße benutzte.

Versagen des Failsafe-Programms entscheidend?

Das sogenannte FailSafe-Programm, das im Falle einer gleichzeitigen Betätigung von Gas und Bremse immer den Vortrieb unterbindet, kam Aufgrund einer Eigenart des Marussia MR03 allerdings nicht wie gewünscht zum Einsatz. Da das Team über ein hinsichtlich seines Designs einzigartiges Break-by-Wire-System für die Hinterräder verfügt, wurde das FailSafe-System für Bianchi unglücklicherweise vom Drehmoment-Koordinator behindert. Dies führte möglicherweise zu einer höheren Einschlaggeschwindigkeit, was die Untersuchungen aber letztlich nicht mit absoluter Sicherheit bestätigen konnten.

Jedoch geht aus dem Bericht hervor, dass Bianchi aufgrund des unüblichen Verhaltens seines Autos sowie des Blockierens seiner Vorderräder möglicherweise durcheinandergebracht wurde, und somit nicht angemessen reagierte, um dem Kran mit einem Lenkmanöver auszuweichen.

Vor seinem Unfall hatte Bianchi bei schwierigen Bedingeungen bereits 43 Runden in Suzuka abgespult - Foto: Sutton
Vor seinem Unfall hatte Bianchi bei schwierigen Bedingeungen bereits 43 Runden in Suzuka abgespultFoto: Sutton

Stewards und Rettungskräfte fehlerfrei

Von jeglicher Kritik und von allen Anschuldigungen freigesprochen wurden hingegen die zuständigen Renn-Stewards. Diese hätten vollständig und absolut korrekt nach Vorschrift gehandelt, wie die Untersuchung ergab. Demnach wäre in 384 ähnlichen Fällen der vorangegangen acht Jahre das Vorgehen stets dasselbe gewesen - ohne jeglichen Zwischenfall. Unmittelbar vor dem tragischen Unfall habe es auch an diesem Tag keinerlei triftige Gründe gegeben, das von vielen geforderte Safety Car auf die Strecke zu schicken. Dies galt sowohl für die Zeit vor als auch nach Sutils Unfall.

Auch die Rettungskräfte begingen keinerlei Fehler in ihren Aktionen unmittelbar nach dem Unfall Bianchis, hielten sich strikt an die für diese Fälle vorgegebenen Richtlinien. Wie der Bericht hervorhebt, war es nur dem umgehenden und präzisen Einsatz der Sanitäter zu verdanken, dass Bianchi den Unfall überlebte.

Bianchi-Unfall: Die wichtigsten Befunde auf einen Blick

  • 1. Plötzlicher Wassereinfluss auf die Ideallinie in Kurve 7 überraschte Sutil und Bianchi
  • Durch Sutils Unfall und die Bergung seines Saubers 'doppel-gelb' in den Sektoren 7 und 8
  • Keine angemessene Geschwindigkeitsreduktion Bianchis trotz 'doppel-gelb'
  • Heftiges Gegenlenken Bianchis vor dem Abflug sorgte für ein verfrühtes Verlassen der Strecke und letztlich den Zusammenstoß mit dem Kran
  • FailSafe-Sytem am Marussia bei gleichzeitigem Betätigen von Bremse und Gas funktionierte nicht - wohl verminderte Geschwindigkeitsreduktion
  • Bianchi wahrscheinlich verwirrt durch blockierende Räder und Fehlverhalten des Autos - kein angemesserner Ausweichversuch
  • Kopf stieß bei Tempo 130 km/h mit dem Kran zusammen
  • Safety Car wurde korrekterweise nicht auf die Strecke geschickt: Keine Probleme bei vorangegangen 384 ähnlichen Fällen
  • Stewards und Rettungskräfte mit fehlerfreiem Einsatz