Caterham hat das Saisonfinale in der Formel 1, den Großen Preis von Abu Dhabi, bestritten. Was selbstverständlich klingen mag, ist ein großer Erfolg für das kleine Team am Ende der Startaufstellung: Caterham kämpft 2014 neben den üblichen Performance-Problemen mit noch viel schlimmeren Defiziten - den Finanzen. Es kommt zum Streit, einem großen Eklat in der Teamführung.

Down Under: Unrühmlicher Auftakt in eine turbulente Saison für Caterham. - Foto: Sutton
Down Under: Unrühmlicher Auftakt in eine turbulente Saison für Caterham.Foto: Sutton

Nach dem Großen Preis von Russland in Sochi meldet die kleine Truppe aus dem englischen Leafield schließlich Insolvenz an. Dasselbe Schicksal ereilt Marussia. Beide Rennställe sagen die Rennen in den USA und Brasilien ab. Dank einer kleinen Finanzspritze von Bernie Ecclestone, des Engagements von Insolvenzverwalter und selbsternannten Teamchefs Finbarr O'Connell und einer Crowdfunding-Aktion gelingt zumindest Caterham ein Comeback in letzter Sekunde.

Das Team

Chaos und Missmut herrschen 2014 im Team von Caterham. Die Führung zerfleischt sich gegenseitig. Anschuldigungen stehen im Raum.

O'Connell - vom Insolvenzverwalter zum Teamchef - Foto: Sutton
O'Connell - vom Insolvenzverwalter zum TeamchefFoto: Sutton

Die Entwicklung: Ende Juni wird das Caterham-Team von der Engavest SA, einem Konsortium aus der Schweiz und dem Mittleren Osten übernommen und tritt unter der Lizenz des 1 Malaysia Racing Team (1MRT) an. 1MRT ist eine malaysische Firma, die Caterham Sports Limited (CSL) besitzt und finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, um das Formel-1-Team zu betreiben. Im Gegenzug erhält 1MRT das Preisgeld des Teams und Prämien von den Sponsoren des Rennstalls.

Im Oktober meldet die Zulieferfirma CSL Insolvenz an. Die Mitarbeiter finden die Fabrik verschlossen vor. Caterham Sports soll bei eigenen Zulieferfirmen Schulden in Höhe von 15 bis 19 Millionen Euro angehäuft haben. Es entbrennt ein Streit, wer welche Schulden zu übernehmen hat. Teambesitzer Tony Fernandes weigert sich, seinen rechtlichen Pflichten nachzukommen und seine Anteile an den Käufer zu übertragen. Er deutet an, die Investoren hätten nicht wie geplant gezahlt.

Happy End nach Horror-Herbst

Das Team selbst widerspricht, Engavest habe alle Bedingungen erfüllt, Fernandes sei für voll verantwortlich für alle Aktivitäten. Schließlich übernehmen die Insolvenzverwalter das Management Caterhams, brauchen aber Wochen, um genug Geld für ein Comeback zusammen zu kratzten. Hunderte Mitarbeiter werden entlassen. Durch einen Logistik-Zuschuss von Ecclestone und ein Crowdfunding kehrt Caterham in Abu Dhabi zurück. Ob und wie es über die Saison hinaus weiter geht, ist noch offen. Immerhin taucht man auf der Nennliste für 2015 auf. Auch die letzten Meldungen klingen positiv.

"Die nächsten Wochen werden für das Überleben des Teams entscheidend sein, denn so langsam bricht die Mannschaft auseinander. Die Mitarbeiter suchen sich neue Arbeitsplätze", erklärt Insolvenzverwalter Finbarr O'Conell in Abu Dhabi. Dort trifft er sich mit gleich drei potentiellen Käufergruppen. Angeblich mit Erfolg. "Ich bin in fortgeschrittenen Gesprächen mit einer Käuferpartei, die bereits innerhalb eines Monats alles übernehmen und fortführen will", sagt O'Connell.

Das Auto

Schön geht anders. Schnell auch - Foto: Sutton
Schön geht anders. Schnell auchFoto: Sutton

Als die Hüllen bei der Fahrzeugpräsentation fallen, ist für viele klar: Der CT05 ist das hässlichste Auto im Feld - und das, obwohl durch die Regeländerungen vor Saisonbeginn auch die Konkurrenz keine glamourösen Lösungen für die Nasen gefunden hat. Stichwort Nasenbär, Stichwort Staubsauger ... Doch an die scharfe Kante mit darunter liegendem Pflock bei Caterham reicht nichts heran. Immerhin ab dem Großen Preis von Belgien findet das Team eine attraktivere Lösung.

Wichtiger als die Optik eines Rennautos ist ohnehin dessen Speed. Spannend dabei, dass Caterham ausgerechnet mit der neuen Nase ein ordentlicher Performance-Sprung gelingt. In der ersten Saisonhälfte weit abgeschlagen, findet Caterham nach der Sommerpause nach und nach den Anschluss an Marussia. In Japan und Singapur ist der CT05 kurzzeitig sogar annähernd auf Augenhöhe mit Sauber und Lotus - vor allem dank eines neuen Frontflügels den Team und Fahrer in schöner Regelmäßigkeit selbst beweihräuchern.

Die Fahrer

Caterham und seine Fahrer - das ist 2014 fast einen eigenen Artikel wert. Nicht, weil sie sich mit Ruhm und Ehre bekleckerten hätten. Vielmehr, weil es einfach so viele sind. Insgesamt sechs verschiedene Piloten klettern im Lauf der Saison in das grüne Cockpit. Mit Robin Frijns und Roberto Merhi derer zwei zwar ausschließlich im Freitagstraining - doch bleiben damit noch immer vier Einsatzfahrer in den Rennen. Mehr sind laut Reglement nicht einmal erlaubt.

Kobayashi und Ericsson bestritten die meisten Rennen - Foto: Sutton
Kobayashi und Ericsson bestritten die meisten RennenFoto: Sutton

Wie es dazu gekommen ist? Kurz gesagt: Geld, Sponsoren, Verträge, Eitelkeiten.

Die lange Version: Etatmäßig startet Caterham mit dem Youngster Marcus Ericsson aus Schweden und dem erfahreneren Kamui Kobayashi aus Japan in die Saison. Letzterem fehlt jedoch ein langfristiger Vertrag - obwohl er zunächst klar der schnellere Mann ist. Caterham stellt Kobayashi für jedes Rennen praktisch neu ein, sodass der Japaner vor jedem Grand Prix um seinen Einsatz bangen muss.

André Lotterer gibt F1-Debüt

André Lotterer gibt in Spa ein F1-Gastspiel - Foto: Sutton
André Lotterer gibt in Spa ein F1-GastspielFoto: Sutton

Der Hintergrund: Kommt jemand mit einem Batzen an Sponsorengeldern, will Caterham so flexibel sein, einen fliegenden Fahrerwechsel vorzunehmen. Mit Ericsson macht man das nicht - der schafft selbst genügend Mitgift heran. Anders Kobayashi. Beim Großen Preis von Spa ist es schließloch so weit. Kobayashi muss pausieren, André Lotterer kommt zu seinem Debüt in der Formel 1. Der Duisburger fährt sofort auf einem Niveau mit Ericsson, scheidet in seinem ersten und bis dato einzigen Rennen allerdings Schumacher-like nach wenigen Metern aus.

Lotterer erhält für Monza und Abu Dhabi noch zwei weitere Angebote - lehnt allerdings beide Male ab. Genauso wie plötzlich Marcus Ericsson. Der Schwede, genervt vom Insolvenz-Chaos der Vorwochen und frisch als Sauber-Pilot für 2015 bestätigt, weigert sich beim Caterham-Comeback in Abu Dhabi zu fahren. Stattdessen kommt dort mit Will Stevens gleich der nächste Pilot zu seinem Formel-1-Debüt. Als Alternative war zuvor sogar über eine Rückkehr von Rubens Barrichello spekuliert worden.

Redaktionskommentar

Caterham blickt zurück auf einen hoch turbulenten Saisonverlauf. Sportlich erwartet schwach gestartet, gelingt nach der Sommerpause ein beeindruckender Aufwärtstrend. Selbst Marcus Ericsson kann in der zweiten Saisonhälfte seine anfangs dürftige Pace verbessern und fährt auf einem Niveau mit seinem Teamkollegen. Bitter, dass die finanzielle Schieflage diese Verbesserungen überschattet. Das Team deshalb nur als Pechvogel oder Opfer der allgemeinen Finanzkrise der kleineren Teams hinzustellen, würde zu kurz greifen. Viele Probleme sind hausgemacht. Nicht zuletzt das heillose Chaos in Hinblick auf Besitzverhältnisse und Fahrerfrage. Caterham ist nur zu wünschen, sich im Winter neu zu sortieren und die Saison 2015 besser strukturiert über die Bühne zu bringen - vielleicht sogar unter Führung von Finbarr O'Connell. Gefallen an seinem neuen Job scheint er gefunden zu haben. (Jonas Fehling)