Mit dreckverschmiertem Gesicht hockte Rene Rast neben seinem völlig zerstörten Audi RS 5, die Hände vor den Augen. Es war jener 19. Mai 2018, als der amtierende DTM-Meister mit einem schweren Unfall samt Überschlag beim Samstagsrennen auf dem Lausitzring für einen großen Schreckmoment sorgte.

Wohl nicht einmal der heute dreifache DTM-Champion hätte sich zu diesem Zeitpunkt ausmalen können, dass er rund ein halbes Jahr später mit nur vier Punkten Rückstand den zweiten Titelgewinn in Folge verpassen würde...

"Dass ich am Sonntag nicht starten konnte, hat mich möglicherweise den Titel gekostet", blickte der DTM-Überflieger eine ganze Weile später auf den Lausitz-Crash zurück, der spektakulärer anmutete, als es sich für Rast selbst anfühlte. Der Audi-Star musste die Nacht im Senftenberger Krankenhaus verbringen, stand am Sonntagmorgen um 08:00 Uhr aber schon wieder im Fahrerlager parat.

An einen Renneinsatz war allerdings nicht zu denken. Nach dem Unfall, bei dem Kräfte von 12 g auf Rasts Körper eingewirkt hatten, erhielt er zum einen keine Startfreigabe durch die Ärzte, zum anderen war sein Audi zu stark beschädigt für eine Reparatur über Nacht. Rast war zum Zuschauen verdammt, während der spätere Champion Gary Paffett seinen Mercedes im letzten DTM-Jahr der Stuttgarter zum zweiten Saisonsieg führte.

DTM, Lausitzring 2018: Horror-Unfall von Audi-Pilot René Rast: (01:07 Min.)

Während die Bilder des in der Luft herumgewirbelten Audi durch die Welt gingen, spielte Rast die Auswirkungen des Crashs auch später stets herunter. Habe sich alles wie in Zeitlupe abgespielt, meinte der Mindener, nur beim letzten Aufprall ins Gras habe es ordentlich gescheppert. Rast kam mit wenigen Blessuren am Ellbogen davon, während die Hersteller und die DTM die hohen Sicherheitsstandards der Fahrzeuge lobten - nicht zu Unrecht, nachdem der schwere Norisring-Unfall zwischen Paffett und Mike Rockenfeller ein Jahr zuvor noch fest in den Köpfen verankert war.

Während Rast um die Chance gebracht wurde, weitere Punkte nach dem mäßigen Saisonauftakt in Hockenheim zu ergattern, wurde das Lausitzring-Gastspiel für Audi zu einer kostspieligen Angelegenheit. Den Unfall in der achten Runde hatte ausgerechnet Markenkollege Loic Duval verursacht - und das kurz nach dem heftigen Startunfall zwischen den beiden Audi-Piloten Nico Müller und Jamie Green!

Während sich Rockenfeller damals den Mittelfuß brach und nur ein Rennen später in Moskau mit Krücken als Held aufs Podium humpelte, kam Rast bei seinem Crash glimpflich davon. Angesichts des zerschmetterten Audi ohne Dach, Windschutzscheibe oder Heckflügel zumindest aus optischer Sichtweise ein kleines Wunder. Nicht zuletzt die durch den Überschlag aufgewirbelten Staubmassen der Lausitz-Piste sorgten für wahre Horror-Zeitlupenbilder.

Foto: LAT Images
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Staub, den sich Rast zumindest von der Schulter und offenbar schnell aus den Gedanken klopfen konnte. An seinem Zwangspausen-Sonntag witzelte er sogar vor Medienvertretern: "Die Erde hat bis abends zwischen den Zähnen geknirscht. Da kam beim Zähneputzen noch einiges raus. Das Auto sah innen aus, als hätte jemand zehn Tonnen Erde reingekippt."

Angst habe Rast nicht gehabt während oder nach seinem Lausitzer Auto-Salto und dem wohl schwersten Crash seiner Karriere nach dem Eau-Rouge-Unfall 2013 beim ADAC GT Masters in Spa-Francorchamps. Mund abputzen (Staub ausspucken), weitermachen, lautete schon immer Rasts Motto nach derartigen Vorfällen.

Völlig unaufgeregt wollte Rast am Lausitzring auch nicht den Bildern, die ihn auf dem Boden kauernd und mit den Händen im Gesicht zeigten, zu viel Bedeutung beimessen. Rast teflonartig: "Das war eine Anweisung des Medical Team. Ich stand nicht unter Schock, wollte mich auch gar nicht hinsetzen. Nachdem ich das zweimal abgelehnt habe, wurden die dann forsch und sagten: 'Du setzt dich jetzt auf den Boden!'"

Foto: LAT Images
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Das verpasste Rennen und die mangelnde Performance des 2017 noch so starken und 2018 per Reglement kastrierten Audi ließen Rast zunächst kaum Hoffnung auf die Titelverteidigung. Als der inzwischen entlassene Audi-Motorsportchef Dieter Gass schon nach dem siebten Saisonrennen die Meisterschaft abschrieb und Rast acht Läufe vor dem Saisonende ganze 100 Punkte Rückstand auf Paffett (177 zu 77 Punkte) hatte, glaubte niemand mehr an den Rookie-Meister des Vorjahres.

Doch Rast - und die Audi-Ingenieure, die sämtliche legalen Möglichkeiten ausschöpften, um sein Auto zu verbessern - sorgte für eine weitere Überraschung. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Markenkollegen und nicht zuletzt den während der Saison veränderten Mindestkaltluftdrücken der Hannkook-Reifen legte Rast eine Aufholjagd hin, wie es sie in der Geschichte der DTM seit 1984 nie zuvor gegeben hatte.

Auf dem Nürburgring, in Spielberg sowie beim Saisonfinale auf dem Hockenheimring gewann Rast alle sechs Rennen in Folge. Innerhalb von nur fünf Wochen machte er 93 Punkte auf Spitzenreiter Paffett gut, der sich mit einem dritten Platz im letzten Rennen zum zweiten Titelgewinn nach 2005 rettete und dieses Jahr in die DTM zurückkehrt.

Und Rast? "Vielleicht komme ich ja irgendwann wieder", wollte der heutige Formel-E-Fahrer ein Comeback zumindest nicht kategorisch ausschließen. Vermutlich liegt seine Zukunft auf der Langstrecke und bei den 24 Stunden von Le Mans - hier wären noch ein paar Seiten Platz für weitere Heldentaten in Rasts persönlichem Geschichtsbuch.