Die ersten Testfahrten der neuen DTM-Ära auf dem Hockenheimring brachten viele Geschichten hervor. Eine davon: Sophia Flörsch. Als zwölfte Frau in der über 30-jährigen Geschichte drehte die Münchnerin am Mittwoch und Donnerstag ihre ersten offiziellen Runden in einem Boliden der DTM, die ab dieser Saison auf GT3-Fahrzeuge setzt.

Flörsch startet 2021 an der Seite des früheren DTM-Meisters Mike Rockenfeller und des zweifachen GT-Masters-Champions Kelvin van der Linde für das Audi-Team Abt Sportsline. In Hockenheim war Flörsch noch nicht mit 'ihrem' R8 LMS GT3 unterwegs, sondern fuhr einen von Schaeffler Paravan aufgebauten Audi inklusive des Lenksystems namens Space Drive. Das Auto hat nach zahlreichen Testfahrten in der Vergangenheit viele Kilometer 'auf dem Buckel'. Das richtige Rennauto soll Flörsch beim nächsten Test Anfang Mai auf dem Lausitzring erhalten.

Das im Motorsport neuartige System kommt ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkeinheit und Lenkgetriebe aus und wurde auch von Gary Paffett in seinem Mücke-Mercedes getestet. Der Einsatz ist obendrein im ROWE-BMW von Timo Glock geplant, bei den Testfahrten war das Space Drive nach Informationen von Motorsport-Magazin.com allerdings noch nicht im M6 GT3 des Teams von Hans-Peter Naundorf verbaut.

Diesen Audi R8 fuhr Sophia Flörsch in Hockenheim - Foto: DTM
Diesen Audi R8 fuhr Sophia Flörsch in HockenheimFoto: DTM

Rundenzeiten standen bei den zeitweise durch Schneefall unterbrochenen Hockenheim-Tests nicht im Vordergrund. Für Flörsch und die Äbte ging es wie bei den meisten Teams darum, Daten zu sammeln und sich mit dem Umgang der neuen Michelin-Reifen vertraut zu machen. So war der einzige Audi des Teams beim Test, an dessen Steuer sich Rockenfeller und van der Linde abwechselten, vollgepackt mit Messtechnik.

Flörsch: Restriktor kostet 20 km/h Topspeed

Flörsch schloss den Mittwoch auf dem vorletzten Platz im Zeitentableau vor Rosberg-Neuling Dev Gore ab. Mit einer persönlichen Bestzeit von 1:38.394 Minuten betrug der Rückstand auf den Tagesschnellsten Maximilian Götz (HRT-Mercedes) rund 1,8 Sekunden. Am Mittwochvormittag musste der Restriktor im Auto der 20-Jährigen getauscht werden, nachdem sie einen knapp 20 km/h niedrigeren Topspeed erreichte als andere Audis im Feld. Nach dem Wechsel verhinderten schlechte Wetterbedingungen größere Zeitenverbesserungen im Feld.

Am Donnerstag landete Flörsch mit einer persönlichen Bestzeit von 1:38.260 Minuten auf dem 14. und damit letzten Rang. Ihr Rückstand auf Spitzenreiter Lucas Auer, der mit weicheren Michelin-Mischungen in letzter Minute die Gesamtbestzeit (1:36.153) erzielte, betrug 2,1 Sekunden. "Mit den Rundenzeiten wäre ich vorsichtig", sagte DTM-Chef Gerhard Berger. "Ich glaube nicht, dass man Rückschlüsse ziehen kann, wer die Nase vorne hat. Man kann aber sagen, dass das Feld nah beisammen sein wird."

DTM-Testfahrten Hockenheim 2021: Highlights und Zusammenfassung: (01:26 Min.)

Berger: Sophia nicht in DTM, weil sie eine Frau ist

Der Österreicher begrüßte Flörschs DTM-Debüt, der ersten Dame im Starterfeld seit 2012, als Susie Wolff und Rahel Frey es mit der männlichen Konkurrenz aufnahmen. "Sophia ist nicht dabei, weil sie eine Frau ist, sondern, weil sie gute Leistungen im Motorsport gebracht hat", sagte Berger in einer virtuellen Medienrunde am Donnerstag. "Sie hat sich positioniert, um in der DTM anzutreten. Das freut uns sehr, weil wir es toll finden, wenn Frauen im Sport ihren Weg machen können."

Flörsch sieht sich in der DTM mit zahlreichen Unbekannten konfrontiert, nachdem sie bislang fast ausschließlich in Formel-Serien an den Start gegangen war. Und auch der LMP2-Prototyp, mit dem sie dieses Jahr in der WEC und erneut bei den 24 Stunden von Le Mans antreten wird, weist gänzlich andere Charakteristiken auf als ein für den Kundensport entwickeltes GT3-Fahrzeug.

Flörsch: Mit Formel 3 nicht mal im Regen so früh gebremst

"Ich bin an Formelautos mit mehr Aero und weniger Gewicht gewöhnt", sagte Flörsch am Donnerstag. "Das sind die größten Unterschiede. Und das ABS ist neu für mich, ans Bremsen muss ich mich noch gewöhnen. In ein paar Kurven habe ich den Bremspunkt verpasst. Im Formel 3 habe ich nicht mal im Regen so früh bremsen müssen! Das ist die größte Anpassung, ansonsten macht es großen Spaß. Alles läuft nach Plan - bis auf den Schnee am Mittwoch."

Anfang Mai bei den nächsten gemeinsamen DTM-Testfahrten auf dem Lausitzring haben Flörsch und Co. eine weitere Gelegenheit, sich mit dem Wettbewerb zu messen. Dann soll auch eine neue Balance of Performance zum Einsatz kommen, die einen besseren Eindruck hinsichtlich der bevorstehenden Saisonrennen liefern soll. In Hockenheim war eine spezielle Test-BoP mit dem Ziel des größtmöglichen Leistungs-Output integriert, um darauf aufbauend weitere Erkenntnisse zu gewinnen.

Berger: Flörsch wird in DTM Fuß fassen

"Ich gehe davon aus, dass Sophia auch in der DTM Fuß fassen wird", glaubte Serienchef Berger. "Es wird sicherlich nicht einfach und sie wird eine Eingewöhnungsphase benötigen. Aber dann traue ich ihr einiges zu. Für die DTM war es immer ein besonders gutes Thema, wenn eine Frau dort Leistung abgeliefert hat. Und Sophia hat viele Fans, das tut natürlich auch der Plattform gut."

In Hockenheim waren viele Augen auf die Nachwuchspilotin gerichtet. Unter anderem war ein Kamerateam des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ZDF vor Ort. Möglicherweise wird Flörsch sogar zu einem Auftritt in der reichweitenstarken Sportsendung 'das aktuelle sportstudio' eingeladen. Eine Ehre, die zuletzt nur sehr wenigen Rennfahrern zuteil wurde.

Lernen kann Flörsch vor allem von ihrem Abt-Teamkollegen Kelvin van der Linde, der als absolutes Audi-Ass im GT-Sport gilt und schon jetzt zu den Titelanwärtern zählt. "Kelvin hat viel Erfahrung, von ihm und auch von Mike kann ich einiges lernen", sagte Flörsch. "Seit ich sie beim Test getroffen habe, haben sie immer versucht, mir zu helfen. Die Atmosphäre im Team ist sehr gut und zwei starke Teamkollegen sind hilfreich für mich."