Mit Sophia Flörsch startet 2021 erstmals seit neun Jahren wieder eine Frau in der DTM. Die 20-Jährige tritt für den amtierenden Team-Meister Abt Sportsline in einem Audi R8 LMS GT3 an und fährt an der Seite von Mike Rockenfeller und Kelvin van der Linde.

Über die offizielle Bekanntgabe freut sich auch Ellen Lohr, die einzige Rennsiegerin in der über 30-jährigen Geschichte der traditionsreichen Tourenwagenserie. "Ich bin superhappy, dass wir jetzt eine fokussierte und sauschnelle Frau in der DTM haben", sagt Lohr zu Motorsport-Magazin.com. "Eine Saison mit DTM und Sportwagen-Weltmeisterschaft ist ein Traumprogramm für alle RennfahrerInnen, die Sophia nacheifern. Sie spielt damit in Topligen des Motorsports und das mit nur 20 Jahren, das darf man dabei auch nicht vergessen."

Lohr und Flörsch kennen sich seit einigen Jahren, 2019 teilten sie sich sogar einen Mercedes 300 SL bei der legendären Mille Miglia. Nachwuchspilotin Flörsch anlässlich des DTM-Coups zu Motorsport-Magazin.com: "Ich habe so einen großen Respekt vor Ellen und würde mir wünschen, dass es so viel mehr Frauen wie sie gäbe. Ellen wusste schon immer, was sie will: Männer besiegen! Rennfahrer sein, und - egal, ob Mann oder Frau - einfach nur respektiert werden. Ellen ist da schon ein Vorbild für mich."

Mit der DTM betritt die Münchnerin Flörsch wieder einmal Neuland. Seit ihrem Einstieg in den Automobilsport 2015 hatte sie eine Laufbahn im Formelsport angestrebt, ging unter anderem in der ADAC Formel 4, der Formel-3-Europameisterschaft und zuletzt in der FIA Formel 3 im Rahmenprogramm der Formel 1 an den Start. An den GT3-Boliden muss sie sich nun ebenso gewöhnen wie an den LMP2-Prototypen, mit dem sie 2020 ihr Debüt bei den 24 Stunden von Le Mans gab.

Sophia Flörsch fährt DTM! Exklusives Video-Interview:

Sophia Flörsch im Interview: DTM-Debüt im Abt Audi: (30:16 Min.)

Lohr: Ein lachendes und weinendes Auge

Lohr sagt an diesem Montag: "Ich persönlich habe dabei ein lachendes und weinendes Auge, weil sie ihre Formel-Karriere nicht fortgesetzt hat. Sophia hätte es verdient gehabt, bis in die Formel 1 begleitet zu werden. Nach dem Motto: Wir wollen unbedingt, dass es eine oder mehrere Frauen bis in die Formel 1 schaffen, braucht es viel Geduld, weil der dorthin führende Weg gnadenlos hart ist. Dazu braucht es natürlich ein großes Engagement aller Beteiligter, auch finanzieller Art."

Dabei hat Flörsch trotz des DTM- und WEC-Programmes 2021 Pläne für eine Fortsetzung ihrer Formel-Karriere nicht ad acta gelegt. Mit guten Leistungen will sie sich künftig für die FIA Formel 2 empfehlen und dazu weitere Partner und Sponsoren gewinnen. "Mein DTM-Programm ist für dieses Jahr und vermutlich auch für 2022 angesetzt", sagt sie. "Wenn ich dazu parallel in der Formel 2 fahren kann, wäre das natürlich geil."

Flörsch weiter: "Mein großes Ziel ist es, 2022 auch in der Formel 2 zu fahren. Um das zu ermöglichen, brauche ich Sponsoren, um dieses große Paket zu stemmen. Und wenn ich in der DTM gute Rennen abliefere, habe ich bessere Chancen als in der Formel 3, diese Partner zu finden."

Lohr: Vielleicht muss man heute umdenken

Lohr, die früher selbst in Formel-3-Meisterschaften angetreten ist und sich einen Namen in der DTM gemacht hat, kann diesen Schritt nachvollziehen. "Vielleicht muss man heutzutage umdenken und nicht den klassischen Weg über den Kartsport und die ganzen Formelserien wählen, bis man dann irgendwann einmal die Chance erhält, sein Können auch in der 'Königsklasse' zu beweisen. Das könnte beispielsweise auch über die DTM und WEC gelingen", sagt die DTM-Ikone.

Mit Lohr (1987-1996), Annette Meeuvissen (1988-1991), Susie Wolff (2006-2012), Vanina Ickx (2006-2007), Katherine Legge (2008-2010), Rahel Frey (2011-2012), Beate Nodes (1985-1988), Mercedes Stermitz (1988), Lella Lombardi (1984), Henny Hemmes (1984-1985) und Traudl Klink (1986) starteten bislang elf Frauen in der DTM, Flörsch ist nun die zwölfte seit dem DTM-Beginn 1984.

So sehen Siegerinnen aus: Ellen Lohr vor Keke Rosberg und Bernd Schneider - Foto: DTM
So sehen Siegerinnen aus: Ellen Lohr vor Keke Rosberg und Bernd SchneiderFoto: DTM

Flörsch: Letzte Frauen in DTM hatten es schwerer

"Die letzten Frauen, die bis 2012 in der DTM an den Start gingen, haben sich etwas schwerer getan, weil sie gar nicht die Chance hatten, zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt", erklärt Flörsch im Video-Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Sie hatten oft nicht die gleichen Möglichkeiten wie ihre Teamkollegen. Dieses Problem werde ich jetzt nicht haben und vielleicht kann ich innerhalb Deutschlands, wo die DTM eine besonders hohe Reichweite hat, wieder junge Mädchen animieren, mit dem Sport anzufangen."

Lohrs Sieg 1992 für Mercedes auf dem Hockenheimring bleibt den meisten Fans bis heute im Gedächtnis, dabei hat sie in der DTM noch wesentlich mehr geleistet. In 141 Rennen zwischen 1991 und 1996 fuhr sie für Mercedes viermal auf das Podium. 1987 errang sie auf dem Salzburgring einen weiteren Podestplatz, allerdings mit einem Alpina-BMW M3, in dem sie insgesamt drei Rennen bestritt.

Ellen Lohr: Extrem harter Kampf für jüngere Frauen

Nach dem DTM-Ende 1996 setzte Lohr ihre Karriere in unterschiedlichen Disziplinen fort, darunter bei der Rallye Dakar, dem 24-Stunden-Rennen Nürburgring und der Truck Racing Europameisterschaft. 2019 gab Lohr ein Comeback in der NASCAR Euroserie. Seit diesem Jahr ist sie Motorsport-Direktorin beim österreichischen Automobil- und Motorsportdienstleister AVL.

Lohr: "Die jüngere Generation Frauen muss sich darüber im Klaren sein, das es ein extrem harter Kampf ist, dahin zu kommen, wo Sophia jetzt schon ist. Sophia hat in den Köpfen vieler etwas Tolles erreicht. Sie hat eine superprofessionelle Einstellung, unglaubliche Disziplin und ist ein echter deutscher Social-Media-Star. Das ist wahnsinnig viel Arbeit, die - auch - honoriert werden muss."