Sophia Flörsch im Interview: DTM-Debüt im Abt Audi: (30:16 Min.)

Sophia Flörsch gibt 2021 ihr Debüt in der DTM und startet in einem von Abt Sportsline eingesetzten Audi R8 LMS GT3 an der Seite des früheren DTM-Meisters Mike Rockenfeller sowie des zweifachen GT-Masters-Champions Kelvin van der Linde. Im exklusiven Interview mit Motorsport-Magazin.com spricht die 20-Jährige über die neue Herausforderung, Ziele, die Rolle der Frauen im Rennsport und ihre Pläne für die Zukunft.

Sophia, wie kam es zu deinem Einstieg in die DTM?
Sophia Flörsch: Eigentlich hatte ich den Plan, eine zweite Saison in der FIA Formel 3 zu fahren neben meinem WEC-Langstreckenprogramm. Nach meinen F3-Tests zum Ende des vergangenen Jahres waren wir in Gesprächen mit einigen Teams. Leider steigen im Formelsport die Budgets aber mit jedem Jahr weiter an. Es gab Optionen, bei denen ich aber nicht so hätte performen können wie gewünscht und meine Ziele wohl nicht erreicht hätte. Über den Jahreswechsel hat sich dann die Option für einen Einstieg in die DTM ergeben und zusammen mit meinem neuen Partner Schaeffler hat alles gut gepasst. Ich bin super-happy und glaube, dass es für mich die richtige Entscheidung war, DTM zu fahren und dort mehr Chancen zu haben als bei einem weiteren Jahr in der Formel 3.

Die DTM blickt auf eine große Geschichte im Motorsport zurück. Was bedeutet das Debüt für dich?
Sophia Flörsch: Das bedeutet mir sehr viel. Als die DTM damals im Münchner Olympiastadion gefahren ist, war ich 2011 oder 2012 als ganz normale Zuschauerin dabei und fand das mega-geil! Die Autos waren damals noch total laut und die Stimmung einfach der Hammer. Das werde ich nie vergessen. Jetzt mit meinen 20 Jahren sagen zu können, dass ich für Abt in der DTM fahre, ist einfach mega. Ich kann sagen, dass ich mich lange nicht mehr so auf eine Saison gefreut habe wie 2021.

In der DTM kommen 2021 erstmals GT3-Autos zum Einsatz. Hast du Erfahrung mit dieser Kategorie?
Sophia Flörsch: Fast keine. 2016 habe ich einen Tag bei einem Young Driver Test von Mercedes ein GT3-Auto in Estoril getestet. Das waren meine ersten Runden mit ABS (Antiblockiersystem; d. Red.) an Bord und seitdem bin ich auch kein Rennauto mehr damit gefahren. Es ist etwas Neues für mich, aber ich glaube, dass mir diese Fahrzeuge liegen. Ich habe es schon immer gemocht, sich in den Rennen ein bisschen mehr zu berühren als man es vielleicht im Formelsport kann. Es ist eine neue Herausforderung, aber mit Abt habe ich ein Team, das mich garantiert sehr gut unterstützen wird. Und meine Teamkollegen Mike Rockenfeller und Kelvin van der Linde verfügen auch über große Erfahrung im Tourenwagenbereich, von beiden kann ich viel lernen.

Wo siehst du für dich die größten Herausforderungen im GT3-Auto?
Sophia Flörsch: An das ABS im Auto muss ich mich herantasten. Eigentlich schade, weil im Formel- und Prototypenbereich das Bremsen immer zu meinen großen Stärken gehörte. Traktionskontrolle, die es ja im GT3-Auto gibt, kenne ich zwar nicht aus dem Formel-, aber aus meinem LMP2-Fahrzeug. Ich habe das richtige Team um mich herum und bin sicher, dass ich mich schnell an alles gewöhnen werde. Das Niveau der Fahrer in der DTM ist wahnsinnig hoch und dieses Jahr sind große Namen am Start. Ich muss also richtig Gas geben und arbeiten.

Abt Sportsline geht als amtierender Team-Champion in die neue Saison und ist nicht weit entfernt von deiner Heimat München. Kennst du die Truppe bereits aus deiner Vergangenheit?
Sophia Flörsch: Ja, mit den Äbten hatte ich sogar schon zu Kartsport-Zeiten Kontakt gehabt. Ebert-Motorsport war mein erstes richtiges Kart-Team und für die ist auch Daniel (Abt) gefahren. In der Zeit hatte ich auch immer diesen schwarzen Abt-Sticker auf meinem Kart! Jetzt wieder für Abt zu starten, damit schließt sich der Kreis.

Was kannst du zu deinem Team bei Abt Sportsline sagen?
Sophia Flörsch: Laura Müller ist meine Performance-Ingenieurin. Aus dieser Sicht sind wir also ein weibliches Team, was ich sehr cool finde. Wir haben uns schon kennengelernt, verfolgen die gleichen Ziele und denken sehr ähnlich, was Frauen in unserem Sport und den nötigen Ehrgeiz angeht. Ich freue mich schon sehr auf unsere Zusammenarbeit. Ich habe zum ersten Mal eine weibliche Ingenieurin und musste schmunzeln, als ich erfahren habe, dass Laura meine Ingenieurin wird. Sie war in den vergangenen Jahren im Prototypen-Sport tätig, auch wie ich im LMP2-Bereich, und bei den letztjährigen 24 Stunden von Le Mans waren wir im gleichen Fahrerlager unterwegs. Da konnten wir unsere Erfahrungen teilen, als wir uns dann hier in München bei einem 'Coffee To Go' besser kennengelernt haben.

Trauerst du der Formel 3 hinterher?
Sophia Flörsch: 'Trauern', würde ich nicht sagen. Klar war es mein Ziel, noch einmal in der Formel 3 zu fahren. Der Formelsport war und ist noch immer alles für mich, um ehrlich zu sein. Das habe ich auch noch nicht aufgegeben. Als Nachwuchsfahrerin ist es aber einfach wichtig, jedes Jahr aufs Neue zu schauen, was am meisten Sinn macht. Und bei mir ist es nicht so, dass meine Eltern den Sport aus der eigenen Tasche finanzieren können. Mein großes Ziel ist es, 2022 auch in der Formel 2 zu fahren. Um das zu ermöglichen, brauche ich Sponsoren, um dieses große Paket zu stemmen. Und wenn ich in der DTM gute Rennen abliefere, habe ich bessere Chancen als in der Formel 3, diese Partner zu finden. Es war klar, dass mein erstes Jahr in der Formel 3 schwierig werden würde, nicht zuletzt wegen der Umstände. Aber du brauchst einfach Erfolg. Und wenn du den nicht vorweisen kannst, ist es schwierig, Partner für sich zu begeistern.

Du wirst neben der DTM auch erstmals in der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC an den Start gehen. Dort teilst du dir einen LMP2-Boliden mit Tatiana Calderon und Beitske Visser. Wie anstrengend ist diese erneute Doppelbelastung?
Sophia Flörsch: Ich bin happy, wenn ich so viel wie möglich fahren kann. Das sind zwei sehr hochklassige Meisterschaften. Die DTM hat einen riesigen Stellenwert und ein extrem hohes Niveau mit Blick auf die Fahrer und Teams. Die WEC ist international mit ähnlich vielen Top-Fahrern und das LMP2-Feld mit 25 Autos in Le Mans ist enorm hart umkämpft. Ich bin froh, dass ich neben dem GT3 noch ein Auto mit viel Aerodynamik und ohne ABS fahre, um den Flow nicht zu verlieren, wenn ich in den Formelsport zurückkehren sollte.

Foto: Jan Beyer
Foto: Jan Beyer

Nach aktuellem Stand kommt es zu einer terminlichen Überschneidung mit den 24 Stunden von Le Mans (21./22. August 2021) und dem DTM-Lauf auf dem Nürburgring. Was hat Priorität für dich?
Sophia Flörsch: Leider wurde Le Mans ja in den August verschoben, deshalb kommt es zur Überschneidung. Le Mans geht bei mir vor und wenn die DTM den Nürburgring-Lauf nicht verschieben sollte, muss ich die Rennen leider ausfallen lassen. Le Mans ist eine Hausnummer und jeder im Team versteht das.

DTM oder WEC: Welche Rennserie genießt für dich einen höheren Stellenwert?
Sophia Flörsch: Das ist schwer zu sagen. Letztes Jahr war die Formel 3 mein Hauptprogramm, dieses Jahr wird es die DTM sein. Das Langstreckenprogramm ist grundsätzlich etwas anders aufgebaut. Du teilst dir das Auto, bist kein Einzelkämpfer und es steckt enorm viel Teamwork dahinter. Ich als einzelne Fahrerin kann mich in der DTM mehr beweisen als beim Langstreckenprogramm, deshalb ist die DTM für mich Prio eins.

Wird es schwierig für dich, während der laufenden Saison zwischen GT3- und LMP2-Auto zu wechseln?
Sophia Flörsch: Mit der Formel 3 war es 2020 etwas einfacher, weil beide Autos über viel Aerodynamik verfügen. Das GT3-Auto weist mehr Unterschiede auf zum LMP2, aber ich denke nicht, dass ich mir mit der Umstellung allzu schwer tun werde. Immerhin kenne ich den Prototypen jetzt schon bei jeglichen Bedingungen und hoffe, dass ich mir das ebenso schnell im GT3-Auto aneignen kann. Außerdem gibt es noch Simulatoren, die bei der Umgewöhnung zwischen beiden Autos helfen.

In der DTM bist du im Gegensatz zur WEC die einzige Frau im Starterfeld. Würdest du dir mehr Fahrerkolleginnen wünschen?
Sophia Flörsch: Ja, schon. Ich fände es cool, wenn mehr Frauen am Start wären. Unterm Strich wollen wir alle als Rennfahrer gesehen werden. Auf der Langstrecke als Frauen-Team anzutreten, ist schon super-cool. Bei uns ist es eben sehr wichtig, dass wir überzeugen und Leistung zeigen können, und nicht als Frauen-Team abgestempelt werden. Ellen Lohr (bislang einzige DTM-Rennsiegerin; d. Red.) hat vor kurzem gesagt, dass eine schnelle Frau in der DTM nur eine Frage der Zeit sei. Ich habe so einen großen Respekt vor Ellen und würde mir wünschen, dass es so viel mehr Frauen wie sie gäbe. Ellen wusste schon immer, was sie will: Männer besiegen! Rennfahrer sein, und - egal, ob Mann oder Frau - einfach nur respektiert werden. Ellen ist da schon ein Vorbild für mich.

Setzt du mit deinem Einstieg in die DTM nun auch ein wichtiges Zeichen für Frauen im Motorsport?
Sophia Flörsch: Das weiß ich nicht. Die letzten Frauen, die bis 2012 in der DTM an den Start gingen, haben sich etwas schwerer getan, weil sie gar nicht die Chance hatten, zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Sie hatten oft nicht die gleichen Möglichkeiten wie ihre Teamkollegen. Dieses Problem werde ich jetzt nicht haben und vielleicht kann ich innerhalb Deutschlands, wo die DTM eine besonders hohe Reichweite hat, wieder junge Mädchen animieren, mit dem Sport anzufangen. Ich finde es einfach so traurig zu sehen, dass in einem Sport, in dem Mann und Frau gleich sind und wo es nicht auf das Geschlecht ankommt, es einfach viel zu wenige Mädels gibt. Und zwar nicht, weil sie es nicht können, sondern, weil sie nicht wissen, dass sie es machen können. Ich hoffe, dass ich da etwas neuen Wind reinbringen und zeigen kann, was Frauen so draufhaben.

Hast du das Gefühl, dass Frauen im Motorsport inzwischen mehr anerkannt werden?
Sophia Flörsch: Ja, schon. Ich glaube, dass es Ellen vor einigen Jahren viel schwerer hatte als ich heute. Im Sport und allgemein hat sich viel getan, Frauen werden inzwischen viel mehr respektiert. Es ist okay, dass es hier und da noch Menschen gibt, die das nicht akzeptieren wollen. Auch ein Lewis Hamilton hat nicht nur Fans.

Der Kern der DTM liegt in Deutschland, du warst zuletzt international unterwegs. Freust du dich auf die 'Renn-Rückkehr' in die Heimat?
Sophia Flörsch: Ich freue mich, wieder mehr Rennen hier zu fahren. Ein Großteil der Strecken im Kalender liegt ja in Deutschland. Und ich freue mich darauf, hoffentlich bald wieder vor den heimischen Fans fahren zu können. Wenn du im Rahmenprogramm der Formel 1 fährst, ist es schwieriger für sie, dorthin zu kommen. Ich bin ja 2018 mit der Formel-3-Europameisterschaft schon im Rahmenprogramm der DTM gefahren, das waren mega-coole Rennwochenenden.

Hast du in deinem Debütjahr in der DTM mehr zu gewinnen oder zu verlieren?
Sophia Flörsch: Mehr zu gewinnen. Ich werde dieses Jahr so viel lernen, und das hoffentlich sehr schnell. Mich als Sportlerin wird dieses Jahr sehr viel weiter voranbringen, weil es noch einmal ein komplett anderes Niveau ist. Die DTM ist so professionell angesetzt, man schaue nur mal, wie viele Ingenieure und Mechaniker da am Wochenende bei den Teams sind und wie professionell sie arbeiten. Das ist komplett anders als im Nachwuchssport, wo du zahlst und dann dafür etwas bekommst. Abt hat ganz klar kommuniziert, dass sie die Team-Meisterschaft gewinnen und mich schnell 'up to Speed' bringen wollen, damit wir alle drei kämpfen können. Schon nach dem ersten Telefonat dachte ich mir: "Ja, geil! Da bin ich dabei!"

Hast du dir Ziele gesteckt für die bevorstehende DTM-Saison?
Sophia Flörsch: Ich möchte so viel wie möglich lernen und versuchen, so schnell wie möglich das Niveau meiner Teamkollegen zu erreichen. Und geile Rennen zeigen, da freue ich mich wirklich drauf! Das Fahrer-Niveau in der DTM ist so hoch und es gibt keine pubertierenden Jungs mehr, bei denen sich plötzlich ein Schalter umlegt.

Seit deinem Einstieg in die Automobilsport 2015 bist du nur in der deutschen Formel 4 (2016, 2017) mehr als eine Saison gefahren. Hättest du dir rückblickend mehr Konstanz gewünscht?
Sophia Flörsch: Auf jeden Fall! Es war von Beginn an klar, dass meine Saison 2015 im britischen Ginetta Cup nur ein Übergang zwischen Kart- und Automobilsport sein würde. Für die Formel 4 war ich damals ja noch zu jung. Nach den zwei Jahren in der Formel 4 ging es mit der Formel 3 los. 2018 habe ich zuerst mein Abitur geschrieben und konnte erst später in die F3-Europameisterschaft einsteigen. Für eine gesamte Saison hätte das Budget auch nicht gereicht. Dann kam der Unfall in Macau und danach wollte ich eigentlich noch mal in der Formel 3 fahren, leider wurde die Serie aber eingestampft. Wir sind dann kurzfristig in die Formula Regional, aber rückblickend hat das wenig Sinn gemacht. Die FIA Formel 3, in der ich 2020 gefahren bin, ist eine tolle Serie, es kommt aber sehr stark aufs Budget an. Ich glaube, dass man im Motorsport flexibel sein und von Saison zu Saison schauen muss, was am meisten Sinn macht. Mein Langstreckenprogramm ist auf zwei Jahre angelegt, zum diesjährigen Saisonende entscheidet sich, ob und wie es weitergehen kann. Mein DTM-Programm ist für dieses Jahr und vermutlich auch für 2022 angesetzt. Wenn ich dazu parallel in der Formel 2 fahren kann, wäre das natürlich geil. Aber soweit ist es noch lange nicht.

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DTM-Luft hast du auch 2020 beim Saisonfinale in Hockenheim geschnuppert. Was steckte hinter deinen Show Runs im DTM-Electric-Demoauto?
Sophia Flörsch: Die DTM hat zum Finale ihre fünf Säulen für die Zukunft vorgestellt, zu denen auch die DTM Electric gehört. Im gleichen Zuge wurde die Partnerschaft zwischen mir und Schaeffler, die das Demoauto aufgebaut haben, bekanntgegeben. Ich bin ja schon viele Rennautos in meinem Leben gefahren, aber 1.200 PS sind wirklich 'Next Level'! Der Elektroantrieb schiebt dich in den Sitz, etwa ausgangs der Spitzkehre, das ist einmalig. Man geht davon aus, dass die Weiterentwicklung dieses Autos am Ende der Parabolika bis zu 340 km/h erreicht - das ist wirklich mega! Ich stehe voll hinter dem Projekt und bin froh, das Team bei den weiteren Schritten unterstützen zu können.