"Schummelverdacht bei DTM-Rennen: Hat Sieger Rast in Spa betrogen?", titelte die Bild am Freitagmorgen und löste mit dieser Schlagzeile großen Wirbel in der DTM-Szene aus. Laut dem Bericht "sieht alles danach aus", als ob Rast bei seinem souveränen Sieg am Sonntag in Spa "geschummelt" habe.

Konkret geht es beim Vorfall darum, dass Rast in der Schlussphase des Rennens das Push-to-Pass-System nutzte, das einem Fahrer per Knopfdruck am Lenkrad für die Dauer von fünf Sekunden einen Zusatz-Boost von 60 PS bringt.

Laut Artikel 46 des Sportlichen Reglements ist die Aktivierung des Push-to-Pass-Systems für das Fahrzeug des Erstplatzierten allerdings unzulässig. Rast führte das Rennen zu diesem Zeitpunkt vor seinem Audi-Markenkollegen Nico Müller an und überquerte die Ziellinie später als Sieger.

Begriffe wie "Schummelei" oder "Betrug" stießen unterschiedlichen Experten aus der DTM-Szene im Laufe des Tages sauer auf, denn: die Situation ist wesentlich komplexer als man im ersten Moment denken könnte.

In den Runden 24 und 25 des 26 Runden langen Rennens nutzte Rast in Führung liegend tatsächlich Push-to-Pass. Auf öffentlich einsehbaren Onboard-Aufnahmen ist zu erkennen, wie er seine Hand in Richtung des Knopfes am Rückteil des Lenkrads bewegt und wie blaue LEDs aufblitzen - das Zeichen für die Nutzung des Systems.

Wie kam es zu den Display-Anzeigen?

Doch jetzt wird es komplex: Zuvor erhielt Rast zwei Meldungen auf dem Dashboard seines Lenkrads. Zum einen den Hinweis, dass sein Auto in den 'Manual Mode' geschaltet habe sowie ein grünes Signal über der Push-to-Pass-Infoleiste. Danach drückte Rast den Knopf, bevor das PtP-Signal rund eine Sekunde später auf Rot umschaltete.

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com könnte ein Funkloch entlang der Strecke an der betreffenden Stelle dafür gesorgt haben, dass für einen kurzen Moment keine Übertragung des Marshalling-Systems an Rasts Auto stattfand. Darauf deutet die Information hin, dass sich der Wagen im 'Manual Mode' befindet. Die Nachricht erhielt Rast an der gleichen Stelle in den aufeinanderfolgenden beiden Runden.

Die Anzeigen auf dem Dashboard belegen: Hier läuft etwas anders als üblich - Foto: Screenshot/ITR
Die Anzeigen auf dem Dashboard belegen: Hier läuft etwas anders als üblichFoto: Screenshot/ITR

Andernfalls wäre Rast nämlich gar nicht in der Lage gewesen, das Push-to-Pass zu benutzen. Normalerweise verhindert das von einem italienischen Unternehmen entwickelte Marshalling-System den Einsatz des Zusatz-Boostes, wenn er per Reglement nicht verwendet werden darf.

Das sagt Audi zum Vorfall

Warum Rast den Knopf in beiden Runden drückte, blieb zunächst unbekannt. Handelte er aus einer Stress-Situation heraus, obwohl er wusste, dass er das Rennen anführt und deshalb der Einsatz von Push-to-Pass eigentlich gar nicht möglich ist?

"Beim DTM-Rennen am Sonntag in Spa ist es bei René Rast zu einer Fehlmeldung im Marshalling-System gekommen", teilte ein Audi-Sprecher Motorsport-Magazin.com am Freitagabend mit. "In Folge dessen hat ihm das System in Führung liegend fälschlicherweise zwischen Kurve sieben und acht ein aktives Push-to-Pass-System in Form der grünen Anzeige signalisiert."

Und weiter: "René hat daraufhin instinktiv den Knopf gedrückt und das System aktiviert. Nach Analyse der Daten durch Audi Sport hat René die erhöhte Durchflussmenge des Push-to-Pass-Systems in Summe für 2,88 Sekunden abgerufen. Der effektive Zeitgewinn lag bei 0,01 Sekunden."

PtP-Einsatz ohne nennenswerten Vorteil

Ebenso blieb zunächst unklar, warum er den Knopf in einem Bereich drückte, wo Push-to-Pass eigentlich gar keinen Vorteil bringt: zwischen den Kurven Malmedy und Rivage und nicht - wie mancherorts berichtet - auf einer der langen Geraden. Aus unterschiedlichen Kreisen ist zu hören, dass ein Einsatz an diesem Ort keinen Sinn macht oder nennenswerten Vorteil bringt.

Ob es zu einer Verhandlung in dieser Angelegenheit durch den DMSB kommt, sollte sich im Laufe des Freitags entscheiden. Rast befindet sich aktuell in Berlin, wo er in diesen Tagen das aus sechs Rennen bestehende Saisonfinale der Formel E für Audi bestreitet. Im Falle einer Verhandlung würde diese wohl am Freitag des nächsten Rennwochenendes auf dem Lausitzring (14. August) stattfinden.