Der Funk-Skandal rund um Audi beschäftigt die Motorsportwelt. Überall rätseln Experten, was genau hinter der Aussage von Audi-Motorsportchef Wolfgang Ullrich steckte. "Timo, schieb ihn raus" - vier Worte, die die Welt der Tourenwagenserie in ihren Grundfesten erschüttern ließen. Selten gab es nach einem Vorfall so viele Fragezeichen. Fragen, die wohl erst vor dem DMSB Sportgericht beantwortet werden, sollten sich die Verantwortlichen entscheiden, eine Untersuchung einzuleiten. Nach der Tragweite der Geschehnisse in Spielberg ist stark damit zu rechnen.

Doch im Vorfeld tun sich Fragen über den Sinn und Unsinn von Ullrichs Funkspruch an Timo Scheider auf. Motorsport-Magazin.com geht der Sache auf den Grund und schlüsselt die ungeklärten Fragen rund um den skandalösen Vorfall im Einzelnen auf.

1. Warum setzte Ullrich den Funkspruch ab?

Laut eigener Aussage aus der Emotion heraus. Audis Motorsportchef versicherte, dass das 'Schieb ihn raus' keine direkte Anweisung an Scheider gewesen sei. Ullrich habe sich am Kommandostand dermaßen über die Situation auf der Strecke geärgert, dass ihm der Spruch spontan rausrutschte. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass der Funkverkehr - und damit der direkte Kontakt zu Scheider ins Auto - offen war. "Es kann sein, dass da irgendwo ein Funk auf war, weil ich vorher über Funk gesprochen habe. Aber das war was ganz anderes", sagte Ullrich direkt nach Rennende. Er spreche nie zu den Fahrern, nur zu den jeweiligen Teamchefs, versicherte er außerdem.

2. Wieso regte sich Ullrich überhaupt dermaßen auf?

Dem Audi-Motorsportchef passte es nicht, wie Scheiders Rivalen Robert Wickens und Pascal Wehrlein mit seinem Schützling umgingen. Scheider fühlte sich von Wickens ausgebremst und teilte dies auch am Funk mit. "Wickens blockt mich", funkte der zweifache DTM-Champion auf der Start/Ziel-Geraden auf dem Weg zur letzten Runde. Scheider fühlte sich vom Kanadier behindert mit der Intention, Markenkollege Pascal Wehrlein - zu diesem Zeitpunkt hinter Scheider auf Platz acht - vorbeizuschleusen. In Kurve 3 kam Wehrlein tatsächlich innen an Scheider und kurz später auch an Wickens vorbei.

Scheider selbst sagte später, dass das Mercedes-Manöver hart, aber nicht ungewöhnlich gewesen sei. Die Frage ist nun, warum Ullrich dermaßen aggressiv reagierte. Fakt ist: In dieser Situation stand keine Meisterschaftsentscheidung auf dem Spiel. Mattias Ekström stand quasi als Sieger fest, für Titelrivale Wehrlein ging es effektiv nur um die Plätze sechs bis acht.

Ähnliche Duelle hatte es in der DTM schon häufig gegeben, ohne dass es anschließend zum Eklat kam. Sicherlich kann am Ende jeder Punkt entscheidend sein. Angesichts der guten Ausgangslage seitens Audi mit Ekström und dem Drittplatzierten Edoardo Mortara wirkte Ullrichs Reaktion auf einige Beobachter überzogen. Gab es vielleicht einen weiteren Grund für ihn, sich so sehr zu ärgern? Oder war es eher die reine Emotionalität des Motorsportchefs in dieser angespannten Situation?

Scheider fuhr auf Wickens auf, der wiederum Wehrlein traf - Foto: Screenshot/sportschau.de
Scheider fuhr auf Wickens auf, der wiederum Wehrlein trafFoto: Screenshot/sportschau.de

3. Worauf zielte der Funkspruch genau ab?

"Timo, schieb ihn raus." Wen meinte Ullrich hier mit 'ihn'? Aus einigen Bereichen war zu hören, dass es sich dabei um Pascal Wehrlein handele. Aus rein sportlicher Sicht hätte das zumindest mehr Sinn ergeben, schließlich hat der 20-Jährige bessere Titelchancen als Wickens. So machte es auf viele Beobachter den Eindruck, als ob Scheider eben Wehrlein von der Strecke schießen sollte, um Audi einen Vorteil in der Meisterschaft zu sichern. Dieser Eindruck wurde durch Wehrleins harte Kritik an Audi und Scheider verstärkt.

Hier stellt sich die Frage, wie realistisch es für Scheider gewesen wäre, Wickens als Rammbock für dessen Mercedes-Kollegen zu benutzen. Hätte er in dieser Situation wirklich planen können, einen Dominoeffekt auszulösen? Insider sagen, dass ein solches Manöver unter diesen Umständen fast unmöglich gewesen wäre. So etwas könne man aus dem Cockpit heraus eigentlich nicht planen. Demnach hätte Ullrichs Ärger womöglich auf Wickens abgezielt, der Scheider blockiert haben soll. Zum Zeitpunkt des Funkspruchs fuhr Scheider direkt hinter Wickens, Wehrlein war bereits durch gewesen. Es muss nun geklärt werden, zu welchem Zeitpunkt genau der Funkspruch abgesetzt wurde.

4. War die ganze Aktion wirklich nur ein Zufall?

Aus Sicht von Audi: ja. "Natürlich kann ich die Aufregung bei den Motorsport-Fans verstehen", wurde Ullrich in der Pressemitteilung des Herstellers zitiert. "Es kam im TV wirklich so rüber, als hätten wir Timo (Scheider) die Anweisung gegeben, einen Konkurrenten von der Strecke zu schieben. Doch das war definitiv nicht der Fall." In anderen Worten: Zwischen Ullrichs Funkspruch und der anschließenden Kollision zwischen Scheider und Wickens habe es keinerlei Zusammenhang gegeben.

Scheider selbst räumte ein, dass die Situation am Fernsehbildschirm unglücklich ausgesehen haben muss. "Ich denke, dass Pascal sich sicher gefühlt hat, weil Robert ihn abgeschirmt hat", sagte Scheider. "Dann hat er ein bisschen Speed rausgenommen und dann hat sich das ein bisschen wie ein Dominoeffekt herauskristallisiert, was dann natürlich doof aussah am Fernseher." Scheider habe auf dem Weg in Kurve 3 genauso gebremst wie in den vorangegangenen Runden. Und weiter: "Es tut mir für Robert und Pascal sehr leid. Ich weiß ganz genau, wie man sich in so einer Situation fühlt. Den Wertungsausschluss muss ich akzeptieren."

5. Wieso geriet Ullrich weiter in die Kritik?

Weil er nach dem Vorfall in der Öffentlichkeit nicht souverän wirkte. Direkt nach Rennende gab Ullrich zu, dass der Funkspruch von ihm gekommen sei. In der anschließenden Pressekonferenz und während der darauffolgenden Medienrunde bekannte er sich allerdings nicht mehr dazu. Ullrich sagte sogar, dass der Funkspruch nicht von ihm gekommen sein konnte, weil er nicht in direktem Kontakt mit den Fahrern stand. In der Audi-Pressemitteilung am späten Sonntagabend ließ Ullrich jedoch wieder ausrichten, dass der Spruch am Kommandostand von ihm gekommen sei. "Eine solche Äußerung drückt nicht mein Verständnis von Motorsport aus, sondern war allein dem Adrenalin in diesem Moment geschuldet", versicherte Ullrich.

6. Hat Scheider den Funkspruch wirklich nicht gehört?

Laut eigener Aussage: nein. Der Funkspruch sei nicht bei ihm im Auto angekommen. Scheider: "Das war das Thema, dass ich erst nach dem Rennen wirklich das Video analysiert habe. Dabei wurde mir mitgeteilt, dass da eben ein Funkspruch kam. Wir hatten das ganze Wochenende schon Probleme, dass der Funk nicht 100 Prozent war. Vielleicht gab es da auch einen Zusammenhang. Aber am Ende des Tages kam bei mir nichts an."